bandeau des SIS Sèvres

Equipe pédagogique et administrative

„Welch triste Epoche, in der es leichter ist ein Atom zu spalten als ein Vorurteil.“ (Albert Einstein)

von Gabriela Ebeling, Lehrerin

Hier irrte Einstein. Meine Vorurteile lösten sich schnell in Nichts auf.

Vorurteil 1 : Verkehrsteilnehmer in der Région parisienne leben gefährlich. In der Tat ist manches angsteinflößend : die Motorräder unter jugendlichen Draufgängern, die Portes de Saint-Cloud, d’Auteuil, de Maillot ... - überhaupt, warum heißt es Porte, wenn es ein riesiger Platz mit hundert Ausgängen ist ? Was meint das Navigationssystem mit „Jetzt halbrechts abbiegen in den RÜMIKELANSCH“ ??? Dennoch : aus Stuttgart, der Stadt der Luxusautos und der Rüpel am Steuer kommend, empfinde ich die französischen Autofahrer als höflich, umsichtig, conduisant intelligemment und - erstaunlich ! - rücksichtsvoll gegenüber Fußgängern.

Vorurteil 2 : Die Menschen in der Région parisienne sind arrogant, hektisch, unfreundlich. Gegendarstellung : ein Besuch im Park an einem sonnigen Herbstsonntag. Unzählige Kinder, aber kein Geschrei und Gezanke, Väter, die sich rührend um ihre Kinder kümmern, Gruppen von Jugendlichen, die die Passantin passieren lassen : „bonjour“. Im Supermarkt : Großfamilien, die riesige Einkaufswagen beladen. Diese Gesellschaft ist kinderfreundlich. Stuttgart ist autofreundlich. 30 Minuten entspannt plaudernd bei Laduré abwarten, um diese sündhaft teuren macarons zu erstehen. Schlange stehen, im Stau stehen, zwei Stunden beim Arzt warten - man bleibt gelassen und höflich, man legt Wert auf Qualität, dafür wartet man. Und während ich 40 Minuten in der Kälte auf einen Tisch im „Relais de Venise“ warte, erlebe ich ein Stück Pariser Alltag gratis und werde mit einem Lächeln (!) belohnt.

Vorurteil 3 : Die französischen Lehrer arbeiten weniger, unterrichten statt zu verwalten und streiken. Gefehlt. Trotz CPE, vie scolaire, intendance, infirmerie - die pädagogischen und administrativen Aufgaben dominieren auch hier die Arbeitsinhalte, die karge Ausstattung der Schulen, überfüllte Klassen, appels, conseils, réunions ... machen die Arbeit der Lehrer zur Fron. Und deshalb stimmt das mit dem Streik wohl ...

Welche Insel im Meer sind da die Sections Internationales. Kleine Gruppen, (meist) aufgeweckte Schüler, Zusammenarbeit mit engagierten Eltern. Kollegen mit interessanten Biografien aus (beinahe) aller Herren Länder, die sich austauschen, Ideen entwickeln, Alternativen zum französischen Schulalltag anbieten, Europa greifbar machen und die Schüler auf ein Leben nach dem „cocon lycée“ vorbereiten wollen. Eine große Option, aber auch eine Herausforderung für die Schüler und Eltern, weil wir internationalen Lehrer Initiative, Verantwortung, Selbstständigkeit und Neugier einfordern. (Und wir streiken nicht, zum Leidwesen der Schüler). Zu Recht erfolgte die Bewertung als Partnerschule und daher noch ein Zitat von Außenminister Steinmeier : „ Unterschiedlichkeiten aushalten und mehr noch : die Kreativität der Unterschiedlichkeiten nutzen - dazu brauchen wir die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik.“ - und die Sections Internationales. Und ich bin stolz, einen kleinen Beitrag leisten zu dürfen.

(Gabriela Ebeling, Lehrerin)

Dernière modification le 10-05-09 par Delumeau Andrea