von Silke Ottow (19. April 2005)
Die Schüler der deutschen Abteilung haben im April 2005 das Musical „Linie 1“ aufgeführt.
„Fahr mal wieder U-Bahn, schau dir mal die Menschen an ...“ Und Sunny fährt. Oder heißt sie Alice oder Momo oder ...? Egal. Sie nimmt die Line 1, den „Orientexpress“ zwischen Berlin Bahnhof-Zoo und Kreuzberg. Auf ihrem Weg trifft sie Menschen aller Schattierungen: Gleichgültige, Träumer, Unzufriedene, Genießer, Unglückliche und Lebenskünstler.
Das Musical „Linie 1“ wurde am Grips-Theater in Berlin vor 20 Jahren das erste Mal aufgeführt. Am 18. und 19. April bot sich die Gelegenheit, das Stück in gekürzter Fassung zu bewundern. Christiane van Endert hat es umgearbeitet und mit Schülern der deutschen Abteilung einstudiert.
Berlin Bahnhof-Zoo, 6:15 Uhr: Ein Mädchen aus der Provinz - nennen wir sie Sunny -, ist von zu Hause abgehauen. Sie steht allein in der U-Bahn und wartet auf Johnnie. „Weil es so abgemacht war“, dass sie zu ihm zieht, wenn sie es zu Hause nicht mehr aushält. Als Johnnie nicht kommt, versucht sie sich alleine durchzuschlagen. Gar nicht so einfach. Auf ihre Fragen nach dem Weg bekommt sie keine Antworten, dafür erhält sie Antworten auf Fragen, die sie niemals gestellt hat.
Doch auf ihrer Suche lernt sie nicht nur die schroffe und gleichgültige, sondern auch die liebenswürdige Seite der Berliner kennen. Vor allem aber hat sie Glück, dass sie Bambi getroffen hat, „denn das ist wie Kino“. Aber auch Maria und Risi und Bisi und den Jungen im Mantel ...
Schließlich findet Bambi für sie Johnnie. Und doch kommt am Ende alles ganz anders als geplant.
Mit viel Einfühlungsvermögen waren die Personen auf der Bühne präsent. Das naive Mädchen Sunny. Die obdachlosen Jugendlichen, denen die feine Art egal ist, weil auf der Straße andere Regeln gelten. Der nachdenkliche Junge im Mantel. Die beiden alten Damen, die meinen, früher war sowieso alles besser und unter dem Führer habe noch Zucht und Ordnung geherrscht. Die gleichgültigen Mitläufer oder die Spießer, denen das reibungslose Fortkommen wichtiger ist als ein Menschenleben. Schließlich könne es sich bei der Selbstmörderin in der U-Bahn ohnehin nur um eine Drogenabhängige gehandelt haben.
Und irgendwie wird man das Gefühl nicht los, all diesen Menschen schon einmal begegnet zu sein. Vielleicht in der U-Bahn, morgens, 6:15 Uhr, auf dem Weg zur Arbeit?
Es gab viel zu lachen und manches zum Nachdenken. Die Begeisterung der Akteure jedenfalls sprang auf das Publikum über. Minutenlanger Beifall war die Belohnung.
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