von Mathias Ebert
Ein denkwürdiger Tag war die Fahrt ins Historial und zu Kriegsschauplätzen und Soldatenfriedhöfen des Ersten Weltkriegs nicht zuletzt durch die Mischung unserer Internationalen Abteilungen (Englische und deutsche Schüler der 3ème 10,9,7)

Im Bus, in der Ausstellung, bei der Führung ging es französisch, englisch und deutsch durcheinander, Schülern wie Lehrern kamen sowohl ihre Mehrsprachigkeit als auch ihre Grenzen besonders ins Bewusstsein: Was hat die Lehrerin auf Deutsch zu den Mitschülern gesagt? So muss das auf die „normalen“ französischen Schüler wirken, wenn wir untereinander Englisch/ Deutsch sprechen.
Manche Schülerin, mancher Schüler zögerte, als es darum ging zu entscheiden, welche Perspektive sie/er für das Soldatentagebuch wählte: die französische? die britische oder US-amerikanische? die deutsche? Da tauchen Fragen der eigenen Identität und der Identifikation mit oder Abgrenzung von Kollektiven und Rollen auf. Nebenbei waren hier Nachkommen der verschiedenen mit- und gegeneinander kämpfenden Nationen vereint, so selbstverständlich und durch den familiären Hintergrund oft so vermischt, dass man keinen Gedanken mehr daran verlor.
Für mich war auch interessant zu beobachten, wie präsent der erste der beiden Weltkriege im französischen Gedächtnis ist, so präsent, dass viele Schüler Kenntnisse und Vorstellungen von diesem Krieg haben, die über den Unterrichtsstoff hinausgehen. In Deutschland ist dieser Weltkrieg - im gesellschaftlichen Bewusstsein, nicht in den Schulbüchern - trotz verschiedener Jubiläen beinahe ein vergessener Krieg, so sehr hat die Erfahrung des zweiten, in dem Deutschland selbst Kriegsschauplatz wurde und die Zahl der eigenen Toten um ein Vielfaches höher war, die Erinnerung an die “Urkatastrophe” des 20. Jahrhunderts überlagert. Wann hört oder liest man in Deutschland schon Berichte der letzten “poilus”?
Für die deutsche Abteilung danke ich Anne Potonnier, Monika Reichardt und Ross Black, die die Hauptlast der Vorbereitung gestemmt haben, herzlich für ihre Arbeit, und allen Kolleginnen und Kollegen sowie Schülerinnen und Schülern, die dabei waren, für die angenehme Atmosphäre und das gute Zusammenspiel. Unsere Schüler/innen fanden den Ausflug gelungen und interessant, nur die langen Busfahrten - leider unvermeidlich - wurden am Abend bemängelt. Auszüge aus den “Tagebüchern”:

- (Französischer Soldat:) 20. Juli 1916. Ich ziehe meine nasse hellblaue Uniform an. (...) Am Boden rennen die Ratten. Sie sind enorm, ich habe nie so große gesehen. (...) Ich frühstücke: schmutziges Brot und eine Zigarette. Ich habe auch eine Zeitung, “Le Petit Journal”. Der Gestank ist entsetzlich, ich fürchte mich zu erbrechen.
- ... die einzigen Momente, in denen ich glücklich bin, sind die...wenn ich Briefe bekomme. Ein Brief macht mich so glücklich, dass ich fast die Entsetzlichkeit des Krieges darüber vergesse.
- (Französischer Soldat:) Die Entscheidung ist gefallen, morgen werden wir angreifen. Mein Gott! Ich schreibe einen letzten Brief an meine Familie. (...) Mir gehen die verstümmelten Leichen nicht aus dem Kopf, es war furchtbar, sie anzusehen. Ich hoffe, dass ich nicht auch so enden werde!
Dernière modification le 26-06-08 par