Das unerschöpfliche Thema Schule bekommt mehr Würze , wenn man sich mit der Praxis anderer auseinandersetzen kann. Und da wir mit unseren völlig verschiedenen, aber durchweg sehr interessanten Partnerschulen diese stimulierende Möglichkeit haben über den Tellerrand zu schauen ,direkt in die „brodelnde Suppe“ der anderen, möchte ich Ihnen einige Kostproben anbieten: Schule anderswo will ich das nennen und heute mal mit der Delikatesse Ohmoor Gymnasium , unserer neuesten Partnerschule in Hamburg beginnen.
Sie ist nämlich ein sprechendes Beispiel für die Schulreformen in deutschen Bundesländern, die durch die „Pisa“- Tests in Gang gesetzt wurden. So vielfältig diese in den verschiedenen Bundesländern sein mögen, eine ihnen gemeinsame Stoßrichtung ist erkennbar: das Lernen selbst ist Gegenstand und Ziel in vielen Fächern. Effektiv soll es sein und das Umsetzen des Erlernten soll mitgelernt werden, denn es geht nicht um Wissen an sich, sondern um den Erwerb von Kompetenzen, dh um ein- und umsetzbares Wissen und Können.Und dazu gehört auch eine gute Vernetzung des Gelernten, also interdisziplinäres Arbeiten . Die Lernkompetenzen fördern wiederum das wichtige Ziel zunehmender Selbstständigkeit der Schüler im Lernprozess. Mehr Eigenverantwortlichkeit und größere Praxisnähe sollen die Motivation verbessern.
Wie setzt unsere Partnerschule nun diese Ziele in ihrem Schulcurriculum um? „Schulcurriculum?“ Ja, in Deutschland gibt es neben den festgelegten Wochenstunden pro Fach und Jahrgang und dem vorgeschriebenen Lehrplan einen zeitlichen und inhaltlichen Spielraum (ca ein Drittel der Gesamtzeit), den jede Schule auf ihre Weise zur Herausbildung ihres spezifischen Profils nützen kann.
Ein wichtiges derartiges Schulcurriculum , in das unsere Schüler der Troisième während ihres Aufenthaltes in Hamburg auch Einblick erhalten werden, ist die Berufsorientierung. Sie erfolgt langfristig auf verschiedenen Klassenstufen in aufeinanderaufbauenden Lernschritten zur Ökonomie und in vielfältigen interdisziplinären Projekten. Das Projekt „Schülerbanking“ zB bezieht Deutsch , PWG (Politik, Gemeinschafts-kunde, Wirtschaft ) und Mathe mit ein und erfolgt überdies in Zusammenarbeit mit externen Partnern wie der Dresdner Bank und Vattenfall. Daneben können Schüler mit Hilfe von Planspielen (eine ernthafte und anspruchsvolle Art des Lernens keine Spielerei!) in eigeverantwortlichem Lernen ihre „Begabungen“ erkunden , indem sie in Arbeitsrollen des Erwachsenenlebens schlüpfen. Natürlich gehört zu dem Ganzen auch ein (3wöchiges) Berufspraktikum.
Weitere Projekte , die alle entweder über längere Zeit verteilt oder intensiv in einer Woche durchgeführt werden, sind zB eine Theateraufführung, die aus der Zusammenarbeit der Facher Darstellendes Spiel (ein Wahlpflichtfach!!), Deutsch, einer Sprache und Kunst/Musik hervorgeht oder das Projekt Sucht- und Gewaltprävention, an dem ebenfalls 4 Fächer beteiligt sind.
Die Schule arbeit seit Jahren an dem von Al Gore ins Leben gerufenen, weltweiten Umwelt-projekt GLOBE mit. In den Geografieunterricht der 8. Klasse sind Gewässer- und Bodenunter-suchungen integriert. Die Messungen werden sorgfältig dokumentiert und an die Zentrale in den USA weitervermittelt. So leisten Schüler einen wichtigen Beitrag für die Umweltarbeit.
Doch damit nicht genug: über 30 AGs stellen das außerschulische Angebot am Ohmoor dar, das vom Schachclub über Japanisch bis zum Schulsanitäterkurs reicht und von Eltern, Schülern, Lehrern oder sogar externen Fachleuten gestaltet wird. Letztere bieten kostenpflichtige , aber von der Schule subventionierte Kurse zum Erlernen eines Musikinstrumentes an.
Die Schulreform sieht Selbstlernzeiten aufgrund von Lernplänen vor, die im Ohmoor Gymnasium zur Zeit bereits erprobt werden und die zu größerer Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Schüler beitragen sollen. Sitzenbleiben wird es in der Zukunft nicht mehr geben, deshalb bietet die Schule Hausaufgabenbetreuung und Förderunterricht an. Erstere wird von ausgewählten Schülern durchgeführt.
Höre ich Sie etwa seufzen? Darf ich einstimmen? Natürlich stellt sich auch uns die Frage, was können wir von dieser Praxis übernehmen? Die Schulreform in Deutschland hat den einzelnen Schulen mehr Autonomie zugestanden. Das macht Sinn, denn es braucht ein schulisches Gesamtkonzept, soll die oben genannte Schulpraxis Erfolg haben. Da stoßen wir an Grenzen.
Doch vielleicht können wir Eltern, Lehrer und Schüler Ideen entwickeln, wie der Schualltag in der Abteilung von dieser Praxis lernen kann und was realistischerweise umsetzbar ist und wer sich wie einbringen könnte. Schreiben Sie uns Ihre Ideen.
Wie gesagt, heute gab’s nur eine erste Kostprobe. Die Schüler der Troisième werden hoffentlich! nach ihrem Besuch im Ohmoor von ihren Eindrücken berichten und das Bild aus einer anderen Perspektive vervollständigen.
(Ingrid Lehre, Leiterin der deutschen Abteilung)
