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Schulleben

Buchbesprechung „So lernt man lernen“ von Sebastian Leitner von Nikola Gazzo

„Es gibt nach Leitner keine schlechten Schüler, keine dummen Menschen; es gibt nur miserable Lernmethoden, die Menschen an ihrer Intelligenzentwicklung hindern“.

Kann sein, dass es dieser Satz war, der meine Mutter vor ca. 35 Jahren veranlasste, dieses Buch zu kaufen, das in unserer Familie zur Erziehungsbibel wurde. Meine Schwestern kämpften mit katastrophalen Noten in Latein, die klassischen Paukmethoden unserer Jugend gerieten immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritik…

Wir schreiben das Jahr 1972, Muttern ist verzweifelt, aber aufgeschlossen genug, sich Sebastian Leitners neues Buch zu Herzen zu nehmen. Ich durfte Französisch wählen, unter der Bedingung, Leitners revolutionären Lernkasten anzuwenden…(Wohin mich Leitners Lernkasten folgenschwer im Leben gebracht hat, ist hier nicht das Thema…). 34 Jahre später, im Herbst 2006, beginnt Mutterns Enkelsohn eine zweisprachige Schülerlaufbahn in der ersten zweisprachigen Grundschulklasse der SIS bei Paris. Ich habe mich bereits seit Jahren intensiv durch Literatur der klassischen, modernen, innovativen und angewandten Pädagogik durchgearbeitet, und stelle mir nun auch die 1001 Fragen bezüglich der Schulkarrieren meiner älteren Söhne, die eher denen ihrer Tanten ähneln, obgleich vor Latein verschont…

Da kommt mir die Erziehungsbibel von Leitner und vor allem der Lernkasten wieder in Erinnerung, und Amazon sei dank, liegt auch schnell die 15. (!) Ausgabe des Leitner Buches auf meinem Schreibtisch. Es macht Riesenspaß, dieses humorvolle Buch mit seinen lustigen Illustrationen zu lesen, und auf Sätze zu stoßen wie: „Der Herr Studienrat mag Witze erzählen und Possen reißen, auf dem Katheder Kopf stehen oder Striptease machen: es gibt Schüler, die trotzdem freudlos und uninteressiert bleiben, und meist ist es die Mehrzahl“.

Leitner unterstreicht, dass 80 % Vergessen des Lernstoffes normal ist, dass Sätze wie „Übung macht den Meister“, „Freude am Lernen durch Interesse wecken “, und „Motivation durch Erfolg“ abgedroschene Phrasen sind, beweist aber durch verblüffende Weise, wie man trotz aller offensichtlichen Unsinnigkeit Telefonbücher oder abstrakte mathematische Formeln spielend mit der „Lernpatience“, die sich zum „Lernkasten“ entwickelt hat, erlernen kann.

Der Lernkasten, wie abgebildet, kann gebastelt oder auch fertig in Deutschland gekauft werden, der Lernstoff (egal was, Vokabeln, mathematische Formeln oder Leitsätze der Philosophie) werden auf Karteikärtchen notiert

bei Vokabeln, z.B. deutsch vorne, französisch hinten, oder Matheformel vorne, Erklärung hinten, oder Philosoph vorne, Theorie hinten, etc.

und in das erste, schmalste Fach gesteckt. Die Karteikarten von vorne nach hinten „durchlaufen“ lassen (lesen, umdrehen, merken, prüfen, wieder umdrehen usw. ), und erst wenn sie bei mehreren Durchläufen „sitzen“, in das nächst breitere Fach stecken. Je schmaler das Fach, desto öfter kommt die Karteikarte bzw. Abfrage zurück, d.h. das Kurzzeitgedächtnis wird trainiert. Wenn das Wissen ohne Probleme in diesem Kurzumlauf abgerufen werden kann, wird es ins nächste breitere Fach „Mittelzeitgedächtnis“ aufgenommen.

Je größer das Fach, desto mehr Wissen auf Karteikärtchen, desto mehr Abstand zwischen dem Wiederaufgerufenwerden und nach und nach geht es in Richtung Langzeitgedächtnis. Wenn die Abstände des wieder aufgerufenenen Wissen in einem Abteil zu groß sind, (und das Wissen vergessen ist), kommt das Karteikärtchen wieder zurück in ein kleineres Abteil.

Alles klar??

Ich als Versuchskaninchen der ersten Generation kann bestätigen, der Lernkasten (heute auch Lernbox genannt) ist genial (ich habe dank ihm nicht nur französisch, sondern auch türkisch und arabisch gelernt), auch wenn ich erst heute begriffen habe, dass in dem Lernkasten das komprimierte Wissen mehrerer Pädagogikgenerationen steckt und dass Leitner hier wirklich Pädagogik auf ein paar Quintessenzen bringt:

„Wissen beweglich und flexibel machen „, d.h. weg vom „starren“ Buch oder Vokabelheft“.

„Wissen unabhängig machen „, d.h. die Kärtchen kommen in völlig unwillkürlichen Zusammenhang und Reihenfolge, „Sekundäreffekte wie:“ ich weiß, wo es steht, aber ich erinnere mich nicht mehr an was“ bleiben aus;

„Erfolg schnell messbar machen“, vor allem am Anfang, die Fächer sind klein, der Umlauf kurz, das Erfolgserlebnis ist garantiert;

Das widerrum motiviert: „in kleinen, zeitlich begrenzten Dosen lernen“ und nicht stundenlang ineffizient in ein Buch starren;

„Autonom werden: der Kasten wird Partner, Freund; man kann schummeln, aber weshalb eigentlich und wofür? Gegen sich selbst? Im Gegenteil, der Kasten wird mein alter ego, aber er ist neutral, er macht keine Vorwürfe, er bestraft nicht!!

Er ist weder Lehrer, Mutter, Vater, großer Bruder oder große Schwester!

Er kann überall hin transportiert werden und in Miniatur- oder Maximum Dosen genossen werden! Er kann je nach Bedürfnis erweitert oder geschmälert werden.

Fazit: Kastenidee wie Buch sind zeitlos und werden sicherlich auch noch mehreren Generationen ihren bewährten Dienst tun. Also, ran an die Bastelarbeiten zum Erstellen des Lernkastens!

Oder erstmal einfach: das Buch lesen; und dafür garantiere ich viel Spaß!