„Zweisprachigkeit bedeutet nicht einfach das Nebeneinander zwei unterschiedlicher Sprachenkompetenzen. Zweisprachigkeit ist ein ganz besonderer Zustand einer Sprachkompetenz, die nicht mit den Kriterien der Einsprachigkeit gemessen werden kann.“
Barbara Abdelila-Bauer erklärt uns mit diesem Satz das Ermessen der so genannten Zweisprachigkeit, die in Wirklichkeit das Ergebnis eines recht komplexen Prozesses ist, den sie mit dem Bild des Linguisten François Grosjean illustriert, der die Zweisprachigkeit mit den vielseitigen Kompetenzen eines Hürdenläufers vergleicht: „Ein 110 m Hürden Läufer kombiniert die Fähigkeiten eines Hochspringers und die eines 100 Meter-Läufers und vereint diese in eine neue Kompetenz. Wie auch der Leichtathletikkenner seine Leistungen nicht mit denen eines Hochspringers oder 100m Läufers vergleichen würde, so kann man auch eine zweisprachige Person nicht mit denselben Massen der einsprachigen Normen vergleichen…man muss ein zweisprachiges Individuum so betrachten, als entwickele es sich mit der Zeit, mit fließenden Kompetenzen in der einen oder der anderen Sprache, seinem Alter, dem sozialen und geographischen Umfeld entsprechend.“
Dieses Buch wirkte auf mich wunderbar beruhigend und ich denke und hoffe den SIS Lesern wird es auch so gehen:
Es stellt genau die Fragen, die wir Eltern von zwei-nationalen oder zwei-kulturellen Kindern stellen, es drückt unsere Unsicherheiten aus, unsere Ängste und unsere Befürchtungen und gibt klare und beruhigende Antworten:
Die erste Beruhigung und auch erstaunliche Feststellung ist, dass die Mehrheit der Weltbevölkerung mehrsprachig ist und dass die einsprachigen Länder eine Minderheit in der Welt darstellen. Wir haben alle sicherlich schon festgestellt, vor allem wenn man sich ein wenig aus Europa entfernt, dass Mehrsprachigkeit in Afrika, Lateinamerika und Asien eine Normalität ist, da sich dort Bildung und Wirtschaft in den großen Weltsprachen ausdrücken.
Für uns, die wir im deutschsprachigen Raum aufgewachsen sind, ist Zweisprachigkeit doch eher die Ausnahme und wir haben alle den Traum der perfekten Zweisprachigkeit (oder Dreisprachigkeit) für unsere Kinder geträumt.
Barbara Abdelilah-Bauer hilft uns auf einfühlsame und eben beruhigende Art und Weise die Komplexität der Vielsprachigkeit zu verstehen; erklärt uns, dass die perfekte Zweisprachigkeit eher selten, und dass die Zweisprachigkeit etwas ganz lebendiges, fluktuierendes und sich ständig veränderndes ist…
Sie mischt ihre wissenschaftlichen Erklärungen mit persönlichen Erfahrungsberichten von Zweisprachigen oder deren Eltern, sie hat natürlich auch an ihren eigenen drei-kulturellen Kindern vieles beobachtet und lässt uns daran teilhaben.
Sie macht Schluss mit den herkömmlichen strikten „Regeln“, die angeblich zur perfekten Zweisprachigkeit führen, definiert Begriffe wie „frühe oder späte Zweisprachigkeit“, „Hauptsprache und Nebensprache“ , erklärt uns die Sprachlernprozesse der frühen Kindheit oder die Altersgrenzen der Zweisprachigkeit und veranschaulicht die Erkenntnisse mit konkreten Beispielen.
Barbara Abdelilah-Bauer macht uns bewusst, wie wesentlich der kulturelle Zusammenhang beim Erwerb der Sprachkompetenz ist und zitiert deshalb bereits in ihrem Vorwort den Pädagogen Rudolph Steiner:
„Jede Sprache erzählt die Welt in ihrer Art. Jede konstruiert ihre Welt und ihre Gegenwelt. Der Vielsprachige, der Polyglotte, ist ein freierer Mensch“.
Für alle SIS Eltern ein „Muss-man lesen- Buch“! Und ein Aufruf an Barbara Abdelilah-Bauer dieses Buch unbedingt auf Deutsch zu übersetzen!
Die Autorin hielt am 27. März eine Konferenz in Sévres.